Band 175, 2005, S. 364

Heinz-Norbert Jocks
Zum Tod von Harald Szeemann
Die Radionachricht von seinem überraschenden Tod, der ihn mitten aus dem Leben riss, traf mich während einer Autofahrt wie ein Blitz aus heiterem Himmel. "Es wird mit ihm kein letztes Gespräch mehr geben. Verflixt!" So schoss es mir in meiner Trauer halbwütend durchs Hirn. Dabei hatte ich mit Harald Szeemann, dem wilden Poeten und uneinholbaren Primus unten den Ausstellungsmachern, zu dem er 1972 mit der legendären Kassler documenta 5 aufgestiegen war, noch vor wenigen Wochen telefoniert. Und er hatte mir nach so langer Zeit endlich mal wieder einen definitiven Gesprächstermin nach Brüssel, also nach der von ihm nun nicht mehr […] weiterlesen
Band 144, 1999, S. 454
Jürgen Raap
»Für Sie habe ich noch etwas Besonderes«
Zum 60. Geburtstag von Walther König
Wollen Sie mal was Tolles sehen? Der Michael Jackson ist beim König!" Es war kein Double, sondern tatsächlich der echte Pop Star, das Gesicht hinter einem Tuch verborgen, der sich vom Ladeninhaber beraten ließ. "Beim König" - diese Floskel ist nicht nur Ausdruck rheinisch-familiärer Nonchalance, sondern sie umschreibt treffend, daß es sich bei der Kunstbuchhandlung um eine Institution handelt, die auch jedem documenta-Besucher und dem Publikum internationaler Kunstmessen geläufig ist.
Sein fachliches Know-How hat Walther König in der "Bücherstube am Dom" erworben, als Leiter der Kunstabteilung. Als er dann 1968 eine eigene Kunstbuchhandlung in Köln eröffnete und ein Jahr später auch als […] weiterlesen
Band 129, 1995, S. 428
Heinz-Norbert Jocks
DER TOD EINES MAGIERS IM GOLDRAUSCH
Ein Nachruf auf Michael Buthe
Michael Buthe, Gefährte der Flower-Power-Bewegung, Tagebuchschreiber, Außenseiter, Ekstatiker, Quergeist und Ausnahmeerscheinung in einem, ist tot. Er, den Harald Szeemann einst in den Kreis seiner "Individuellen Mythologien" aufnahm, erlag fast fünfzigjährig einem Leberleiden: zu früh für einen so geistreichen wie großartigen Künstler, der nie aufgehört hatte, zu träumen, und vom Geist der Utopie und des Märchens beseelt war. Um so leben zu können, wie er lebte, hatte er, der bei Arnold Bode in Kassel studierte, günstige Voraussetzungen vorgefunden. Befragt nach Menschen, die ihm imponierten, erzählte Buthe stets die schöne Geschichte seines Onkels, der einen Stollen in den Berg des Großvaters gegraben […] weiterlesen
Band 127, 1994, S. 418
Andreas Denk
Immer nur lächeln
Richard von Weizsäcker begeistert sich für Markus Lüpertz
Kuros", "Eurydice" und "Oedipus" heißen drei der neuen Mitbewohner Bundespräsident Richard von Weizsäckers im Berliner Schloß Bellevue: Seit April hängen im Wohnsitz des scheidenden Staatsoberhaupts sechs Arbeiten von Markus Lüpertz aus dem Jahre 1985, darunter vier Bilder aus der Serie über das "Mykenische Lächeln", die Arbeit "Unter dem Baum" sowie ein Stilleben. Schon des öfteren hat der Präsident seine Residenz zeitgenössischer Kunst geöffnet: Werner Tübke, Jörg Immendorff und Gotthard Graubner waren an allerhöchster Stelle mit Werken präsent. Allerdings: In der Sala terrena des Rokoko-Wohnsitzes, die nur unter höchsten denkmalpflegerischen Auflagen zu gestalten ist, sollen bereits mehrfach Hängungen zeitgenössischer Kunst an […] weiterlesen
Band 108, 1990, S. 363
INGO KÜMMEL
Es ist ein leises Geschäft mit der Kunst. Einer der hinein will, kommt eher durch die Wand als durch die Tür. Ingo Kümmel kam immer durch die Wand.
Wenn die Kunst im 20.Jahrhundert immer neuen Attacken auf ihre Daseinsform und neuen Fragen anch ihrem Sinn ausgesetzt war und ist, so ist es der Kunsthandel nie gewesen. Problemlos verkraftete er auch die Attacken der Künstler, integrierte sie in die Mechanik der Profitmaximierung. Ein diplomatisches Meisterstück, aber auch ein Paradox.
Ingo Kümmel lebte dieses Paradox. Er lebte es als eine Utopie, an deren Aufrechterhaltung er ständig arbeitete. Er wollte einen Kunstmarkt, an dem alle […] weiterlesen
Band 104, 1989, S. 428
Serge Stauffer
Luzern, 1929 - Zürich, 17.Sept.1989
Wer ist Serge Stauffer? Forscher (der die Kunst als die eigentliche Forschung begriff, die der Wissenschaftler nur zu dokumentieren hat), Übersetzer (von Duchamp und Ionesco), Feminist (in steter Auseinandersetzung und Ergänzung mit Doris Stauffer, seiner Frau), Fotograf (gelernter), Lehrer (als Mitbegründer und -Leiter der F+F Schule für experimentelle Gestaltung, die er 1980 wieder verliess), Schrifsteller (mit einer Vorliebe für ephemere Publikationen), Künstler, - alles in der ungefähren Reihenfolge der Dinge, die ich über ihn erfahren habe.
Ich kann vor allem über Stauffer, den Forscher etwas sagen - und ein wenig über Serge, den Menschen, von den viel […] weiterlesen
Band 103, 1989, S. 469
Comic strip aus Wien
Karlheinz Schmid über Alfred Hrdlicka
Der Spezialist fürs antifaschistische Mahnmal, der Österreicher Alfred Hrdlicka, saß in der Jury für einen Wettbewerb in Hamburg. Dort, wo am Stephansplatz ein Kalkstein-Denkmal von 1931 an die Gefallenen aus dem Infanterie-Regiment 76 erinnert, sollte ein Antikriegsdenkmal errichtet werden. Hrdlicka mochte keinen Sinn für die eingereichten Entwürfe entwickeln - und übernahm den Auftrag im September 1983 kurzerhand selbst.
Den Hanseaten war's zunächst recht, und so konnte der Künstler bis Ende 1986 knapp 900 000 Mark kassieren. Doch für den vereinbarten Lohn lieferte Hrdlicka nur halbe Arbeit, nämlich zwei von vier geplanten Teilen. So ließ der Steinbildhauer eine […] weiterlesen
Band 99, 1989, S. 362
BILDSTÖRUNGEN
WIE SCHIZOPHREN KÖNNEN SPONSOREN SEIN?
Kölns "Kunstfreund" Alfred Neven DuMont gibt ein Beispiel, das nicht nur zum Nachdenken zwingen sollte.
Alfred Neven DuMont hat die Vorteile des Kunstförderns spät entdeckt. Dafür läßt er sich umso heftiger feiern. Den nötigen Resonanzboden hat er in der Kölner Presselandschaft, die ihm selbst gehört (EXPRESS, Kölner Stadtanzeiger, Beteiligung an der Kölnischen Rundschau). So ist denn auch selten ein Kulturereignis von einem so hymnischen Dauerfeuerwerk aus Vor-, Zwischen- und Nachberichterstattung begleitet worden, wie die (vorübergehende?) Umfunktionierung seiner leerstehenden Druckhalle - der "Blauen Halle" - in eine Ausstellungshalle, mit dem jetzt effektvollen Namen "DuMont-Kunsthalle". Hier erwiesen ihm im letzten Herbst ca. 20 Kölner Künstler die Ehre.
Doch wer fördert eigentlich wen?
Daß der Initiator dieser Kölner Kulturgroßtat gleichzeitig einer […] weiterlesen



