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Ausstellungsrezensionen noch laufender Ausstellungen

Band 203, 2010, S. 356

Edgar Schmitz

Rude Britannia

»Witze für den Massenmarkt«

Tate Britain, 9.6. – 5.9.2010

Wahrscheinlich gilt es erstmal als erfreulich, dass der Witz museumsfähig ist, und vielleicht ist es auch noch interessant, was passiert, wenn er als nationales Charakteristikum (und Objekt nationalen Stolzes) zusammengestellt wird. Die Ausstellung präsentiert eine Art Index angeblich spezifisch englischer Spielarten des Komischen und breitet diese durch die Jahrhunderte (von Hogarth und Gillray bis Spitting Image) und in der Spannung zwischen Hochkunst und Populärmedien aus. Was dabei aber von den Arbeiten übrig bleibt (von den Arbeiten selbst, und von ihrem Witz-Potential), ist ein andere Frage.
Das kuratorische Primat liegt deutlich auf einfacher Verarbeitungsfähigkeit: Der an sich starke historische Teil ist mit […] weiterlesen


Band 203, 2010, S. 278

Jens Rönnau

Verwehte Orte

»Ein Parcours de Paradies«

Schleswig-Holsteinisches Landesmuseum, 27.6. – 12.9.2010

So sehr die Wiesen und Rapsfelder, Meeresblicke und Strände, die als typisch für die schleswig-holsteinische Landschaftsmalerei gelten, ihre Berechtigung haben mögen, so sehr hat die heutige Zeit auch Anspruch auf neue Ansichten, Bildmotive und -aufgaben“, schreibt Uta Kuhl im Katalog zur Schleswiger Ausstellung „Verwehte Orte“, die den Zusatztitel „Ein Parcours de Paradies“ trägt. Die Schau im ehrwürdigen Schloss Gottorf mit Werken von 10 jungen Künstlerinnen und Künstlern dringt in mehrfachem Sinne ein in dieses Idyll der einstigen Residenz dänischer Herrscher, das am Ende des Ostseefjordes Schlei von Wassergräben und Gartenanlagen umgeben ist: Zum einen sind die Werke dialogisch in die vorhandene […] weiterlesen


Band 200, 2010, S. 327

Gavin Turk, Pop, 1993, Wachsfigur in Holz-, Glas- und Messingvitirine, Foto: Hugo Glendinning

Edgar Schmitz

Pop Life: Art in a Material World

»Fast so etwas wie eine Rückschau«

Tate Modern, London, 1.10.2009 – 17.1.2010; Hamburger Kunsthalle, 6.2. – 9.05.2010; National Gallery of Ottawa, Canada, 11.6. – 19.9.2010

Im Überblick über Takashi Murakami und Martin Kippenberger, Richard Prince und Tracey Emin, Cosey Fanni Tutti und Piotr Uklanski erstellt die Tate mit Pop Life so etwas wie ein Panorama, das sich vom späten Warhol aus über Jeff Koons und Keith Haring in die Gegenwart projiziert und vor allem dem Spiel zwischen Kunst und Medien-und Konsumwelten nachgehen will. Als zentrales Motiv fungiert die Figur des Künstlers - als Persönlich­keit, als Modell, als Brandingschablone, und damit dann als Akteur auf einem Markt, in dem Aufmerksamkeit und Neuigkeitswert schon lange nicht mehr nur in Objekten gehandelt werden.
Unterschwellig geht es dabei um den Begriff […] weiterlesen


Band 203, 2010, S. 352

Dirk Schwarze

Starter

»Werke aus der Vebi Koc Collection«

Kunstraum „Arter“, Istanbum, 8.5. – 19.9.2010

Istanbul im Aufbruch. Nur sechs Jahre nach der Gründung des „Istanbul Modern Sanat Müzesi“, des ersten privaten Museums für zeitgenössische Kunst in Istanbul, meldet sich jetzt mit dem Kunstraum „Arter“ ein zweiter Standort für aktuelle Kunst zu Wort. Dieser Kunstraum ist ein Ausstellungsgebäude und will nicht als Museum verstanden werden. Er soll aber zur Entwicklung eines Museums beitragen, das möglichst auf dem ehemaligen Marine-Gelände entstehen soll. In „Arter“ wird mit 160 Arbeiten von 87 Künstlern ein kleiner Teil der Sammlung der Vehbi Koc Foundation Contemporary Art Collection gezeigt, die von dem Berliner Galeristen und früheren Direktor der Kunsthalle Fridericianum in Kassel, […] weiterlesen


Band 203, 2010, S. 316

Matthias Reichelt

Timm Ulrichs

»Blick zurück nach vorn«

Erhellende Paradoxien und zu Bildern generierte Konzepte

Museum Ritter, Waldenbuch, 9.5. – 19.9.2010

Francis Picabias berühmtes Aperçu „Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann“ passt trefflichst auf Timm Ulrichs und sein polyglottes Werk. Immer wieder hat er Sprache auf das Buchstäbliche und Redewendungen auf deren Vielschichtigkeit abgeklopft, gegen den Strich gebürstet und Erstaunliches zu Tage gefördert und dies in treffende Bilder und Sprachbilder umgesetzt. Es gibt kaum ein Medium und ebenso kaum ein Genre, dem sich Ulrichs in seiner über 50-jährigen Praxis als Künstler nicht schon bedient und angenommen hätte. Bei seiner vielseitigen Kunst blieb die Wiedererkennbarkeit auf der Strecke, was unter anderem zur Folge hat, dass er als Künstler […] weiterlesen


Band 203, 2010, S. 350

Fabian Stech

Damien Hirst

»Cornucopia«

Ozeanografisches Museum, Monaco, 2.4.2010 – 30.9.2010

Damien Hirst ist im Aquarium der Kunst das, was man im Englischen treffend einen “Apex Predator” nennt. Wie der Protagonist seines berühmtesten Kunstwerks – der Hai in “The impossibility of death in the mind of someone living” – steht er am Ende der Nahrungskette. Sobald im Gebiss ein paar Zähne fehlten, schob Damien Hirst bisher immer eine seiner sieben funkelnagelneuen rasiermesserscharfen Zahnreihen nach vorne. Die spektakuläre Versteigerung seiner Kunstwerke bei Sothebys im Jahr 2008 mit einem Erlös von 140 Millionen Euro passt genauso in dieses Bild, wie die Episode um den Diamantenschädel “For the Love of God”, den er sich im […] weiterlesen


Band 203, 2010, S. 330

Ursula Maria Probst

Brigitte Kowanz

»Now I See«

MUMOK, Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, 25.6. – 3.10.2010

Das Betreten der Ausstellungsebene 4 direkt am Eingang des Mumok versetzt uns in eine außergewöhnliche visuelle und körperliche Erfahrung. Der gesamte Raum von 450 Quadratmetern wurde von Brigitte Kowanz anlässlich ihrer Retrospektive „Now I see“ in eine betretbare Spiegelkubatur transformiert, die als „Spiegelsaal“ weitere Spiegelobjekte und Leuchtschriften enthält. Das wechselseitige Bespiegeln der Motive bewirkt eine Auflösung klarer, materieller und visueller Referenzen in der räumlichen, installativen Inszenierung. Die Lichtspuren reflektieren in unendlichen Widerspiegelungen, reißen visuelle Abgründe auf. Wörter wie „Complexity“, „Aura“, „Moments“, „Simultaneous“ oder „Extension“ tauchen auf und imaginieren gleichzeitig eine Dynamik und Instabilität. Licht ist das Medium in den Objekten und […] weiterlesen


Band 203, 2010, S. 318

Cornelia Gockel

fast forward 2

»The Power of Motion«

Medienkunst aus der Sammlung Goetz

ZKM/ Museum für Neue Kunst, 18.6. – 3.10.2010

Es ist dunkel im Dschungel von Nathalie Djurberg. Jedoch angelockt von den seltsamen Geräuschen betreten die Besucher ihre vegetabile Wunderwelt. Phantastische Pflanzen in schillernden Farben säumen den Weg. Begierig recken sie ihre feucht glänzenden, weit geöffneten Blütenkelche den Besuchern entgegen. Fette, vollgefressene Raupen lagern träge auf den bunten Blättern. „So könnte es im Paradies aussehen!“, mag so mancher denken. Doch der erste Eindruck täuscht, denn hinter der üppigen Blütenpracht lauert das Grauen. Auf drei Screens sind Animationsfilme aus Knetfiguren zu sehen, die so ziemlich alle Torturen erleiden müssen, die man sich vorstellen kann. Wundersame Blüten verwandeln sich darin in bösartige, fleischfressende […] weiterlesen


Band 203, 2010, S. 314

Christian Huther

Märchen Kunst

Kunsthalle Darmstadt, 6.6.-3.10.2010

Die Ideen fliegen ihm nur so zu. Er muss lediglich die durch den Raum flatternden Notizen und Zeichnungen auffangen, die bereits von unbekannter Hand zu Papier gebracht wurden. Ein modernes Märchen, wie jeder weiß, der mit Künstlern zu tun hat. Die Realität sieht anders aus. Aber William Kentridges Film über eine imaginäre Reise zum Mond – mittels Kaffeekanne als Rakete – bringt den Widerspruch zwischen Märchen und Wirklichkeit auf den Punkt. Deshalb hat Peter Joch, der Leiter der Darmstädter Kunsthalle, auch Kentridge mit ausgewählt für seine klug durchdachte und geschickt in Szene gesetzte Ausstellung „Märchen Kunst“.
Denn zeitgenössische Künstler verwenden Märchenfiguren oder […] weiterlesen


Band 203, 2010, S. 309

Sigrid Feeser

Uwe Lausen

»Ende schön alles schön«

Schirn Kunsthalle Frankfurt, 4.3. – 13.6.2010

Museum Villa Stuck, München, 25.6. – 3.10. 2010

Sammlung Falckenberg, Hamburg, 22.12.2010 – 23.1. 2011

Er war überheblich, von der eigenen Genialität felsenfest überzeugt, unerträglich arrogant: ein richtiges Ekel. Hätte er sich nicht 1970 im Alter von neunundzwanzig Jahren nur neunundzwanzig Jahren das Leben genommen, wäre vielleicht doch noch ein Großkünstler wie Sigmar Polke und Gerhard Richter aus aus ihm geworden. Grund genug, aus historischer Distanz einmal genauer auf seine von der Pop Art inspirierten Bilder zu blicken. In einer etwa sechzig Gemälde und fast ebensoviele Papierarbeiten und Comicfolgen umfassenden Retrospektive fragen Schirn Kunsthalle, Stuck-Villa und Sammlung Falckenberg danach, wie es wirklich war mit diesem Uwe Lausen: Und entdecken ein ebenso spannendes wie quälendes Kapitel der […] weiterlesen


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